Juhu, es geht wieder los!

Von Christine Wahl

Stefanie Heiner und Julia Heinrich, die Leiterinnen des stellwerks junges theater in Weimar und Gewinnerinnen beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Freie Produktionshäuser, im Gespräch mit Christine Wahl

Szene aus "Das Jahr ohne Sommer": Eingehüllt in dichtem Bühnennebel headbanged eine Gruppe junger Menschen.
© Matthias Pick

Frau Heiner, Frau Heinrich, herzlichen Glückwunsch zur Ehrung beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Freie Produktionshäuser – und zum Auftakt eine Frage, die in dieser Interviewreihe allen in den Spezialkategorien Ausgezeichneten gestellt wird: Wenn Sie Ihr Theater in einem einzigen Requisit symbolisieren müssten – welches wäre das?

Julia Heinrich: Eine bunte Farbpalette – weil wir sehr darauf achten, dass sich jede*r gehört und gesehen fühlt und in allen Facetten bei uns vorkommt.

Stefanie Heiner: Mir fällt spontan ein Megafon ein: Uns ist es ein Anliegen, jungen Menschen eine Stimme zu geben – und eine Bühne, damit sie sich Gehör verschaffen können.

Diejenigen, die auf dieser Bühne im stellwerk junges theater in Weimar stehen, sind tatsächlich ausschließlich Kinder und Jugendliche zwischen vier und 27 Jahren, die Theater in ihrer Freizeit spielen. Mit diesem außergewöhnlichen Cast ziehen Sie – bundesweit einmalig – einen richtigen Repertoirebetrieb auf. Wie sind Sie hinter der Bühne aufgestellt?

Heinrich: Wir bestehen aus einem Kernteam von fünf Personen – das sich für die einzelnen Projekte und Kurse um freie Mitarbeitende erweitert. Von denen, die hier angestellt sind, arbeiten zwei in Vollzeit, mehr können wir uns aufgrund unserer Förderstruktur leider nicht leisten – obwohl der Bedarf bei allen da wäre.

Wie schaffen Sie es in dieser Personalstruktur, ein komplettes Theater zu betreiben?

Heiner: Wir sind alle Multitasker*innen. Ich zum Beispiel arbeite prinzipiell als künstlerische Leiterin des Hauses – bin also fürs Programm zuständig und inszeniere selbst –, erlebe aber immer wieder Abende, an denen ich vor der Aufführung erst einmal die Bühne einrichte, anschließend die Spielenden in Empfang nehme, mit ihnen das Warm-Up mache, mich später um den Einlass kümmere und dann vielleicht noch selbst an der Technik sitze, also Licht oder Ton fahre. Unter Umständen leite ich hinterher sogar das Nachgespräch und räume wieder auf. Und das sieht bei Julia als geschäftsführender Leiterin des Hauses und dem restlichen Team nicht anders aus.

Heinrich: Letztlich ist das aber auch ein wesentlicher Grund dafür, dass unsere Arbeit uns so erfüllt. Wir haben extrem niedrige Hierarchien, gewinnen alle gleichermaßen tiefe Einblicke in sämtliche Bereiche des Theaters und bekommen so natürlich auch noch mal auf eine ganz andere Weise mit, wie das Haus tickt – und was die Menschen, die zu uns kommen, wirklich interessiert.

Chapeau! Wie finanzieren Sie denn Ihr Programm?

Heinrich: Wir erhalten eine Landes- und eine kommunale Förderung für die Spielstätte und das Personal – wofür wir sehr dankbar sind, weil das in Thüringen nicht selbstverständlich ist. Da wir als ein „kultureller Knotenpunkt“ anerkannt sind – wovon es in unserem Bundesland nur sehr wenige gibt –, bekommen wir Zuwendungen vom Thüringer Bildungsministerium. Über ein Produktionsbudget verfügen wir allerdings nicht. Für alle Inszenierungen und Projekte, die bei uns stattfinden, müssen wir Drittmittel einwerben – was auch insofern ein harter Kampf ist, als wir die Menschen, die bei uns arbeiten, fair bezahlen wollen. Gerade weil es – wenn wir auf unsere eigenen Gehälter schauen – bezüglich der Einsicht, dass sich verantwortungsbewusste Arbeit für junge Menschen im Kunst- und Kulturbereich nicht von allein erledigt, vielerorts noch Luft nach oben zu geben scheint.

Dabei ist Ihr Pensum immens!

Heiner: Ja, wir bringen sechs Premieren pro Saison heraus, die mindestens für ein Jahr im Spielplan bleiben, und haben ein Repertoire, das verschiedene Genres, Themenschwerpunkte und Altersbereiche abdeckt – von der Klassikerbearbeitung über das Familienstück zu Weihnachten bis zum Theater für die Allerjüngsten. Daneben gibt es ein Kurssystem mit verschiedenen altersgestaffelten Angeboten, vom inklusiven Tanzkurs über Impro-Theater bis zum Kinderkurs ab sechs Jahren.

Muss man bei Ihnen ein Casting absolvieren, oder dürfen grundsätzlich alle, die wollen, überall mitspielen?

Heiner: Wir organisieren am Anfang der Saison immer eine Spielzeiteröffnung, wo wir sämtliche Projekte ausschreiben und sich alle – wirklich alle – nach Lust, Themenwunsch und zeitlicher Verfügbarkeit einschreiben können. Selbst, wenn man ganz neu zu uns kommt und noch nie auf einer Bühne gestanden hat, ist das also kein Hinderungsgrund, direkt in das Inszenierungsprojekt, das einen interessiert, einzusteigen.

Setzen die Spielenden auch selbst die Themen?

Heinrich: Natürlich erkundigen wir uns bei den jungen Menschen, die sich bei uns engagieren, was bei ihnen gerade los ist, was sie interessiert und wozu sie arbeiten wollen. Dafür gibt es jährlich eine Spielenden-Klausur, bei der wir ihnen spezifische Fragen stellen. Ein anderer Weg der Themenfindung besteht darin, dass Künstler*innen uns kontaktieren und Konzepte vorstellen, die sie gern mit den Jugendlichen umsetzen würden. Darüber hinaus machen wir auch offene Ausschreibungen: Wenn uns ein Thema für die nächste Spielzeit besonders dringlich erscheint, suchen wir aktiv Akteur*innen oder Kollektive, die daran arbeiten möchten.

Heiner: Das ist auch eine gute Möglichkeit, neue Künstler*innen kennenzulernen, denn Nachwuchsförderung im Regiebereich gehört ebenfalls zu den Aufgabengebieten, denen wir uns verpflichtet fühlen. Zumal es für die jungen Menschen ja nur spannend sein kann, wenn immer wieder neue Blickwinkel und Perspektiven auftauchen.

Welche Impulse kamen denn in dieser Spielzeit von den Jugendlichen?

Heiner: Ein Thema, das direkt aus der letzten Spielenden-Klausur heraus angestoßen wurde, waren zum Beispiel Protestmöglichkeiten in der heutigen Gesellschaft. Gemeinsam mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, mit dem wir projektweise immer wieder kooperieren, haben wir daraufhin eine Musiktheater-Inszenierung zum Thema Widerstand realisiert, die einen historischen Bogen bis zur Weißen Rose spannt.

Weimar liegt in Thüringen – einem Bundesland, das in der Außenwahrnehmung vor allem mit dem NSU, Björn Höcke und einer hohen Zustimmungsrate zur AfD assoziiert wird. Wie erleben Sie Ihre Stadt und Ihr Bundesland aus der Binnenperspektive?

Heinrich: Weimar hat als Klassiker- und Touristenstadt noch ein bisschen das Heile-Welt-Image. Deshalb versuchen wir, unsere Komfortzone immer wieder zu verlassen, Gastspiele im ländlichen Raum zu organisieren und bewusst gesellschaftliche Themen anzusprechen. Wir arbeiten auch mit Patenschulen von außerhalb zusammen.

Szene aus "Ausradiert": Sechs Personen steht dicht beieinander auf der Bühne.
© Matthias Pick

Was hat Sie in Ihrer Arbeit mit den Jugendlichen zuletzt wirklich überrascht?

Heiner: Es ist vielleicht weniger eine Überraschung als vielmehr eine empirische Korrektur des Bildes, das viele Ältere von jungen Leuten haben – von wegen: die Welt hat sich total verändert, die Jugend hängt nur noch am Handy, leistet nichts mehr und so weiter. Dagegen mache ich hier tagtäglich die Erfahrung, wie klug diese jungen Menschen sind, was für schlaue Sachen sie sagen und wie schnell sie die Dinge verstehen, ohne dass man sie ihnen mit dem Zeigestock erklären muss. Die haben richtig viel zu sagen und sind mega engagiert – das ist absolut großartig!

Heinrich: Ich finde es ja tatsächlich krass, wie stark sich die Welt verändert hat – allerdings genau im entgegengesetzten Sinn von denjenigen, die meinen, dass der Jugend heute nichts mehr zuzutrauen sei. Ich bin total beeindruckt, was für eine Kraft sich bei jungen Menschen entwickelt hat, für sich selbst einzustehen und für andere Strukturen zu kämpfen. Das war vor zwanzig Jahren noch nicht so.

Sie haben Ihre Theaterkarriere selbst im stellwerk junges theater begonnen, richtig?

Heinrich: Ja, ich bin mit achtzehn Jahren hierhergekommen, um ein freiwilliges soziales Jahr zu machen, und weiß noch, wie klein und schüchtern ich mich in der ersten Zeit in dieser großen Theaterwelt fühlte (lacht). Eigentlich spielte ich damals mit dem Gedanken, Regisseurin zu werden, und konnte das hier auch ausprobieren, merkte aber relativ schnell, dass das nicht meine Sache ist. Dafür habe ich die komplette Bürowelt hinter den Kulissen für mich entdeckt und festgestellt: Ich will rechnen, planen, Veranstaltungen organisieren und dafür sorgen, dass alles funktioniert – kurz: Mein Ding ist Kulturmanagement! Zum Studieren bin ich dann zwar noch einmal weggegangen, dem Haus aber über Nebenjobs und später auch als Vorstandmitglied immer treu geblieben. Als dann hier die Leitungsstelle frei wurde, habe ich mich beworben.

Sie, Frau Heiner, blicken auch schon auf eine längere Geschichte mit dem stellwerk zurück?

Heiner: Genau, als Julia damals hier ihr FSJ gemacht hat, kam ich gerade frisch vom Studium als Theaterpädagogin ans Haus. Auch ich war später noch an anderen Institutionen tätig, habe zum Beispiel ein junges Theater und eine Bürgerbühne geleitet. Als es dann die Möglichkeit gab, zusammen mit Julia das stellwerk zu übernehmen, bin ich nach Weimar zurückgekehrt.

Heinrich: Und jetzt sind wir total glücklich, dass wir gemeinsam diesen Traumjob ausüben dürfen! Im Kollegium beschreiben wir die Atmosphäre, die hier herrscht, oft als fehlendes Sonntagsgefühl. Bei uns gibt es nämlich nicht diese typische Sonntagsverstimmung, von der Leute oft erzählen, weil sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit müssen. Im Gegenteil, wir denken uns am Montagfrüh: Juhu, es geht wieder los!

Jetzt sind Sie beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Freie Produktionshäuser ausgezeichnet worden – und haben damit auch 100.000 Euro gewonnen. Wissen Sie schon, wie Sie das Preisgeld investieren?

Heinrich: Also erst mal waren wir, als wir die Nachricht bekamen, völlig geflasht. Ich hatte wirklich zwei, drei Stunden am Stück richtige Gänsehaut, weil ich gar nicht fassen konnte, dass etwas, was mir selbst so wichtig ist, auch von außen eine solche Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt: Das war buchstäblich zu schön, um wahr zu sein! Und für unser Team, das so unglaublich viel Eigeninitiative, Leidenschaft und Herzblut einbringt, ist das wie ein Ritterschlag, zumal wir die Menschen ja eben nicht mit unendlich hohen Gehältern entlohnen können.

Heiner: Dass diese Arbeit, die ja hier vor Ort doch in einem relativ kleinen Rahmen stattfindet, mit diesem Preis eine höhere Sichtbarkeit bekommt und eine solche Wertschätzung erfährt, ist wirklich toll und sehr besonders für uns! Und was das Preisgeld betrifft: Wir werden unseren Weg auf jeden Fall weitergehen und noch stärker am Barriere-Abbau arbeiten. Außerdem leisten wir uns vielleicht mal eine größere Produktion mit einem höheren Budget, bei der wir mehr Künstler*innenpositionen besetzen können als normalerweise. Oder wir geben sogar mal einen Schreibauftrag heraus. Das ist etwas, was wir uns nur selten leisten, weil die Tantiemen für uns kaum finanzierbar sind.

Heinrich: Und wir können endlich ein paar technische Geräte ersetzen, die über die Jahre kaputtgegangen sind! Es gibt schon eine lange Wunschliste aus dem Team (lacht).

Was wünschen Sie sich generell für die Zukunft Ihres Hauses?

Heinrich: Mehr Sichtbarkeit, vor allem überregional, und insgesamt einfach einen langen Fortbestand des stellwerks – auch, wenn wir es einmal in andere Hände weitergeben.

Heiner: Ich wünsche mir, dass noch viele Jahre lang viele Menschen die Möglichkeit haben, sich so mit diesem Haus zu entwickeln und so an ihm zu wachsen wie wir!

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