Das Landestheater Marburg gehörte 2024 zu den Gewinnern des Theaterpreises des Bundes. Die Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser-Leichtweiß sprechen mit Christine Wahl über die Investitionen des Preisgeldes und die Herausforderungen eines „care-zentrierten Theaters”.

Eva Lange, Carola Unser-Leichtweiß, als Sie 2024 mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet wurden, war Ihnen wichtig, dass alle Personen und Abteilungen am Theater etwas von dem Preisgeld bekommen – die Bühnentechnik zum Beispiel neue Arbeitsjacken. Sind die 100.000 Euro inzwischen aufgebraucht?
Carola Unser-Leichtweiß: Wir dürfen uns ja bis zum Sommer 2026 Zeit lassen, insofern sind wir noch mittendrin im Prozess des Geldausgebens (lacht).
Ein angenehmer Prozess, oder?
Unser-Leichtweiß: Auf jeden Fall. Die Arbeitsjacken – plus Werkzeugtaschen – für unsere Techniker*innen haben wir aber tatsächlich schon gekauft. Für die Verwaltungsfachkraft ist ein Lehrgang geplant. Und die Maskenabteilung hat eine Fortbildung gemacht, die sie sich lange gewünscht hatte: Perückenknüpfen mit Echthaar. Natürlich versuchen wir, auch jenseits des Theaterpreises unsere Mitarbeitenden fortzubilden. Aber dieser Workshop lag preislich in einer Dimension, die wir uns normalerweise nicht leisten können.
Eva Lange: Wir haben ja einen sehr umfassenden Begriff von unserem Ensemble: Wir verstehen darunter wirklich alle Menschen, die am Haus beschäftigt sind – unabhängig davon, in welcher Abteilung und Position. Und uns war wichtig, dass auch alle in einer ganz konkreten Form etwas von diesem Preis haben, damit das nicht so eine symbolische Sache bleibt. Der Preis hat ja auch alle extrem stolz gemacht – unglaublich, wie viele damals mit zur Verleihung nach Berlin gefahren sind!
Das Preisgeld haben Sie in drei Investitionsbereiche aufgeteilt: Die Hälfte der Summe floss beziehungsweise fließt in die Fortbildungen und Anschaffungen, die Sie gerade beschrieben haben. Weitere 25 Prozent sollten in ein „care-zentriertes Theater” investiert werden. Wie schaut die Lage diesbezüglich aus?
Unser-Leichtweiß: Unsere ganze Spielzeit steht ja unter dem Motto „Take care. Füreinander. Miteinander”. Dieses Thema wollen wir in den Betrieb implementieren und speziell bei uns am Haus schauen, wie solch ein care-zentriertes Theater aussehen kann: Welche Stellschrauben haben wir schon gedreht, wo ist noch Potenzial? Das beginnt im März, da werden zwei Expertinnen Workshops geben, an denen das ganze Haus beteiligt ist.
Lange: Wir hatten bereits einen Vorab-Termin mit Vortrag und Feedbackrunde, bei dem die Mitarbeitenden schon einmal ihre Anliegen formulieren konnten.
Welche Themen kamen dabei auf?
Lange: Zum Beispiel, ob es für Frauen in der Menopause möglich wäre, in Gleitzeit zu arbeiten, und wie sich das mit der Spontaneität des Theaterbetriebs vereinbaren ließe. Überhaupt ist die Gesundheitsfürsorge ein zentraler Punkt. Da geht es nicht nur um Yoga, sondern um die Frage, ob wir als Haus, das auf der Bühne „silent Performances” plant, eigentlich auch in der Lage sind, selbst ruhige Arbeitsräume zu schaffen; also Zonen, in denen es wirklich zuverlässig still ist.
Inwiefern lassen sich diese Vorstellungen mit den Erfordernissen des Theaterbetriebs in Einklang bringen?
Unser-Leichtweiß: Ganz ehrlich, ich denke zwischendurch manchmal schon: Oh Gott, worauf haben wir uns da bloß eingelassen? Denn klar: In der Konsequenz verträgt sich das care-zentrierte Denken nicht wirklich gut mit einem kapitalistisch aufgestellten Theaterbetrieb. Wir führen zurzeit in den Vorgesprächen inhaltlich durchaus intensive Auseinandersetzungen mit den Workshopleiterinnen, denn natürlich müssen Eva und ich zugleich die Position des Betriebes vertreten: Wir müssen ja spielen, Geld einnehmen und einen vertraglich festgelegten Eigenanteil erwirtschaften – mit wenigen Leuten; wir sind nach wie vor strukturell unterbesetzt. Viele arbeitnehmer*innenfreundliche Maßnahmen wie probenfreie Samstage oder die Ausrichtung der Proben nach Kita-Öffnungszeiten sind bei uns längst Alltag. Wenn die Forderungen jetzt radikaler werden, bin ich gespannt, wohin uns das führt. Und merke: Ich bin ganz schön aufgeregt, ob wir da an eine Grenze des Machbaren kommen.
Geht Ihnen das ähnlich, Eva Lange?
Lange: Ich bin tatsächlich weniger aufgeregt – das ist bei uns gelebte Doppelspitze (lacht). Bei mir überwiegt das Interesse an der Denkbewegung: Vielleicht gibt es Stellschrauben, die gar nicht so schwierig zu drehen wären, die man aber im Betrieb noch nicht sieht? Und dann kommen Personen wie die Workshopleiterinnen und sagen: Ey Leute, das ginge so einfach! Der Blick von außen kann extrem hilfreich sein, weil man innerhalb des Betriebes vieles allein deshalb hinnimmt, weil es schon immer so war.

Gleichzeitig hängt über vielen Städten und Kommunen das Damoklesschwert empfindlicher Sparmaßnahmen.
Unser-Leichtweiß: Ja, das ist richtig, da knirscht es. Wir kämpfen zum Beispiel schon extrem hart darum, dass wir die Tarifsteigerungen in allen Bereichen bezahlen können. Wenn die Workshopleiterinnen dann die in sich ja durchaus berechtigte Forderung aufstellen, wir müssten der Politik für alle Mitarbeitenden zusätzlich Gesundheitsbudgets abringen, frage ich mich natürlich: Wie soll ich das machen? Die Stadt Marburg ist in der Konsolidierung!
Lange: Dabei wäre es eigentlich wichtig, das care-zentrierte Theater sogar noch auszuweiten und nicht auf die festangestellten Mitarbeitenden zu beschränken. Wie leben zum Beispiel freischaffende Regisseur*innen, die von Theater zu Theater ziehen? Wie sehen deren Gastwohnungen aus? Wie steht es bei ihnen um Ernährung, Pausen, Räume?
Tatsächlich ein weites Feld! Aber es gibt noch ein drittes Vorhaben, das Sie mit den Geldern aus dem Theaterpreis des Bundes realisieren wollten: eine Kooperation mit einem Theater aus Georgien.
Unser-Leichtweiß: Genau. Wir haben Kolleg*innen einer kleinen freien Theatergruppe aus Tbilisi eingeladen und ihnen ein Gastspiel ermöglicht, Infrastruktur und Transport übernommen. Das hat zu sehr interessanten, intensiven Gesprächen geführt, unter welchen Bedingungen die Kolleg*innen arbeiten, welche Themen sie behandeln, was in der aktuellen Situation überhaupt möglich ist und was nicht. Geplant war eigentlich ein Austausch. Der nächste Schritt hätte darin bestanden, dass wir nach Georgien reisen. Aber die Situation ist derzeit so unsicher, dass wir die Verantwortung nicht übernehmen können. Wir haben uns deshalb vertagt und auf ‚irgendwann‘ verabredet.
Lange: Trotzdem hat die Woche, in der die georgischen Kolleg*innen hier waren, im Ensemble viel ausgelöst. Menschen, die seit Monaten streiken, nichts verdienen und trotzdem jeden Tag politisch aktiv sind und auf die Straße gehen: Das macht demutsvoll gegenüber dem deutschen Theatersystem – und gleichzeitig wach dafür, wie fragil künstlerische Freiräume sind! Zudem haben wir mit Georgien ja schon eine gewisse Tradition, weil wir regelmäßig mit Nino Haratischwili zusammenarbeiten. Insofern war das Gastspiel nicht nur ein extrem anregender Austausch nach innen, sondern auch öffentlichkeitswirksam nach außen.
Hat sich durch den Theaterpreis des Bundes für Ihr Haus etwas verändert? Bekommen Sie beispielsweise mehr Publikum, mehr Aufmerksamkeit – oder leichter Anträge bewilligt?
Lange: In der Stadt und im Land Hessen wird der Preis immer wieder erwähnt, das ist toll. Ich hatte allerdings gehofft, dass infolgedessen auch die überregionale Presse stärker auf uns schaut – und merke: Das hat sich nicht eingelöst. Die Kulturjournalist*innen, die schon immer bei uns waren, kommen nach wie vor – aber wir würden uns immer noch freuen, wenn es mehr wären.
Unser-Leichtweiß: Wir hatten natürlich das Theaterhaus Jena als Beispiel im Kopf, das mit dem Preis so unglaublich durchgestartet ist, und dachten: Die haben das richtig gemacht, das wollen wir auch! In diesem Punkt müssen wir aber ehrlich sagen: Das haben wir nicht geschafft. Die Aufmerksamkeit hierher zu bekommen, in die Fläche, ist sehr schwer. Gleichzeitig ist der Stolz im Haus nach wie vor immens. Und was nicht ist, kann ja noch werden (lacht). Wir bleiben auf jeden Fall dran!