Carena Schlewitt, die Intendantin von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste in Dresden und Gewinnerin des Theaterpreises des Bundes 2026, im Gespräch mit Christine Wahl

Frau Schlewitt, herzlichen Glückwunsch zum Theaterpreis des Bundes 2026! In einem Text über Ihr Haus wird eine Zuschauerin mit dem Satz zitiert: „Wenn es HELLERAU nicht gäbe, wäre ich schon längst weg aus Dresden.“ Was findet sie bei Ihnen, was ihr sonst in der Stadt fehlt?
Ich glaube, ein großer Reiz besteht tatsächlich darin, dass unser Haus eine große Bandbreite abdeckt. Wir zeigen ja nicht nur wechselnde Künstler*innen und Kompagnien – sei es aus der Region, aus der Republik oder international. Sondern weil wir ein interdisziplinäres Haus sind, potenziert sich diese Vielseitigkeit noch in den Genres. Allein unser Musikangebot reicht von anspruchsvollen Neue-Musik-Abenden über immersive Soundinstallationen bis zu partizipativen Formaten, und genauso könnte ich das jetzt für den Tanz- oder den Performance-Bereich durchbuchstabieren. Auf jeden Fall trifft man in HELLERAU immer auf eine zeitgenössische künstlerische Sprache; man tritt in Dialog mit der Gegenwart.
Was in einer Stadt wie Dresden, die sich in puncto Kunst und Kultur ja stark aus ihrer Tradition heraus definiert, durchaus nicht an jeder Ecke zu finden ist.
Neulich kam eine Besucherin auf mich zu und sagte: „Wenn ich frei habe, fahre ich immer nach HELLERAU. Ich schaue gar nicht, was läuft, sondern setze mich einfach in die Bahn, weil ich weiß, dass ich da immer überrascht werde.“ Das fand ich toll, denn genau das ist für mich der Punkt: Ich fahre da raus! Ob ich am Ende jedesmal begeistert bin – darauf kommt es gar nicht an. Aber was ich hier erleben kann, erlebe ich sonst nirgends.
Die Sache mit dem „Rausfahren“ müssen Sie erklären!
HELLERAU ist kein urbaner Ort. Vom Dresdner Stadtzentrum aus ist man eine knappe halbe Stunde unterwegs, das Festspielhaus steht inmitten einer Gartenstadt – der ersten in Deutschland, die der Tischler, Möbelfabrikant und Sozialreformer Karl Schmidt Anfang des 20. Jahrhunderts nach englischem Vorbild gebaut hatte. Es ging dabei – seinerzeit absolut revolutionär – um einen gesunden Dreiklang aus Leben, Arbeit und Bildung. Und ganz gleich, ob man mit der Straßenbahn, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad den Hügel hinaufkommt: Man fährt immer durch ein Stück Wald – und dahinter beginnt eine ganz andere Atmosphäre. Es riecht anders, es ist meistens zwei Grad kälter, es herrscht eine veränderte Lautstärke; man passiert praktisch eine Art Wahrnehmungsschwelle.
Eine Grenze, die schon Franz Kafka, Max Reinhardt und Rainer Maria Rilke gern überschritten.
Ja, die sind in den 1910er Jahren – in der Blütezeit des Festspielhauses – wie viele andere Künstler*innen und Schriftsteller*innen hierher gepilgert! Hellerau war damals absolute Avantgarde: Die radikal zeitgenössische Bühnenkonstruktion, die der Bühnenbildner Adolphe Appia und der Lichtkünstler Alexander von Salzmann im Großen Saal von Heinrich von Tessenows Bau geschaffen hatten, stand ja völlig konträr zur damals typischen italienischen Guckkastenbühne. Das war die erste offene Raumbühne in Europa, diese Aufhebung der architektonischen Trennung von Bühne und Zuschauerraum hatte es noch nie zuvor gegeben – das war tatsächlich ein epochales künstlerisches Großexperiment!
Überhaupt kondensiert sich ja im Festspielhaus Hellerau europäische und deutsche Geschichte. Nicht nur die ruhmreiche ästhetische Moderne, sondern auch die barbarische Nazi-Diktatur und der Realsozialismus der DDR haben den Ort entscheidend geprägt.
Ja, das ist total krass: Über die meiste Zeit seiner reichlich hundertjährigen Geschichte wurde das Festspielhaus Hellerau militärisch genutzt! 1938 bauten die Nationalsozialisten das Festspielhaus zu einer Polizeilehranstalt um, später bildeten sie hier Offiziere für Vernichtungsaktionen der SS und der Wehrmacht insbesondere in Osteuropa aus. 1945 kam dann die Rote Armee und nutzte den Ort als Lazarett. Anschließend waren in Hellerau sowjetische Soldaten kaserniert, die den Großen Saal auch als Sporthalle nutzten – bis 1992, als es einer Gruppe engagierter Kulturakteur*innen mit wirklich unermüdlicher Hartnäckigkeit gelang, diesen Ort für die Künste und Kultur zurückzugewinnen. Denn natürlich gab es auch damals andere Pläne für Hellerau: Man wollte beispielsweise das Festspielhaus abreißen und lieber etwas Neues bauen. Das internationale Programm, das wir hier veranstalten, versucht all diese verschiedenen Schichten ästhetisch auszuleuchten. Mit dem gleichnamigen Projekt „Schichten – Künstlerische Praktiken des Erinnerns und Gedenkens“ haben wir zum Beispiel eine Programmreihe zum Themenkomplex „Aufarbeitung, Weitergabe von Kriegstraumata und Schweigen in den eigenen Familienerzählungen“ initiiert.
Tatsächlich kann man bei Ihnen alles erleben, was in der internationalen Theater-, Tanz-, Musik- und Performance-Branche Rang und Namen hat. Da Sie sich zusätzlich stark für die lokale Szene engagieren, kommt Ihrer Institution – als dem größten freien Produktionshaus in Ostdeutschland überhaupt – gleichzeitig eine entscheidende Rolle in der regionalen Kunstentwicklung zu. Wie schaffen Sie das eigentlich alles?
Als ich 2018 in HELLERAU anfing, war mir sofort klar: Angesichts der Fördersituation vor Ort müssen wir die freie Szene bestmöglich unterstützen, um ihr zu mehr Sichtbarkeit und potenten Koproduktionspartner*innen zu verhelfen. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen macht eine wirklich gute Arbeit, und andere Institutionen in Dresden wie das Societaetstheater, das Zentralwerk oder die Villa Wigman engagieren sich ebenfalls enorm – das ist nicht der Punkt. Es gibt hier im Osten einfach deutlich weniger Geld als in vielen anderen Regionen. Deshalb koproduzieren wir, oft mit minimalen Beträgen, gezielt Projekte freier Gruppen, um die schwierige Fördersituation wenigstens ein bisschen abzufedern – zumal wir räumlich hervorragend ausgestattet sind: Durch unsere Residenz-Apartments und Probestudios direkt auf dem Gelände, die in der ganzen Republik ziemlich einmalig sind, verfügen wir über optimale Arbeitsbedingungen. Inzwischen bekommen wir so viele Anfragen, dass wir – was mir wirklich extreme Kopfschmerzen bereitet – oft Absagen schreiben müssen. Und gerade werden es leider immer mehr, weil die öffentlichen Zuwendungen für HELLERAU ja deutlich zurückgegangen sind.

Der Ort steht hervorragend da, die Zahl der Besuchenden ist von rund 26.000 in der Saison 2023/24 auf knapp 34.000 in der Spielzeit 2024/25 gestiegen. Nichtsdestotrotz sah sich die städtische Kulturpolitik Ende 2024 im Rahmen allgemeiner Sparzwänge ad hoc zu einer Zuwendungssenkung von 1,6 auf 1,1 Millionen Euro gezwungen. Gleichzeitig kam auf Bundesebene das Förder-Aus für das Bündnis internationaler Produktionshäuser, aus deren Topf HELLERAU anteilig 600.000 Euro pro Jahr erhalten hatte. Mit Minus 1,1 Millionen Euro war Ihre Institution plötzlich – und komplett schuldlos – von einem Tag auf den anderen existenziell bedroht. Seither regnet es viele warme Worte, hier und da wurde eine kosmetische Zahlenkorrektur vorgenommen. Wie sieht die Situation aktuell aus?
Leider nicht besser. Es gab im März 2025 einen neuen Haushaltsbeschluss, in dem die städtische Kürzung abgefedert wurde. Vier Wochen später kamen dann wegen globaler Minderausgaben neue Streichungen. Anschließend erhielten wir eine Budgetvorgabe, jetzt sind wir gerade wieder in einer Haushaltssperre. Betrieb und Personal sind für uns als Bühne der Landeshauptstadt Dresden abgesichert. Das Problem ist, dass wir keinerlei Planungssicherheit für das Programm haben. Dort liegen wir mittlerweile bei achtzig Prozent Drittmittelfinanzierung.
Das klingt dramatisch.
Ich verstehe ja, dass – wenn überall gekürzt werden muss – die Kultur nicht unangetastet bleiben kann. Was ich kritisch anmerke ist, dass man sich nicht zusammen hinsetzt und analysiert: Wie weit können wir gehen, ohne den Ort substanziell zu gefährden? Wie wirkt sich diese Kürzung oder jene Streichung konkret auf das Programm und den Standort aus? Welche Mechanismen greifen bei der Drittmittelbeantragung? Wir brauchen ja einen bestimmten Eigenanteil, um die ganzen Programmmittel akquirieren zu können, auf die wir sowieso schon immer angewiesen sind. Wenn der infrage steht, können wir in die Situation kommen, plötzlich Drittmittel zurückgeben zu müssen. Das sind schon Dinge, die mir schlaflose Nächte bereiten.
Zumal es politische Fraktionen gibt, die für HELLERAU längst andere Ideen haben. Die AfD – seit den letzten Wahlen stärkste Kraft im Dresdner Stadtrat – überraschte kürzlich mit dem Plan, in HELLERAU das DDR-Fernsehballett unterbringen zu wollen…
… das zu diesem Zeitpunkt längst aufgelöst war (lacht). Ja, es gab auch schon mal den Vorschlag, das Ensemble in HELLERAU abzuschaffen, obwohl wir ein Produktionshaus ohne Ensemble sind.
Aber im Ernst: Wie bedroht sind Kunstinstitutionen, wenn sie sich der kulturpolitischen Rückendeckung – ganz gleich durch welche Partei – nicht mehr sicher sein können?
In unserem Fall gibt es zum Glück fraktionsübergreifend Leute, die klar sagen: HELLERAU ist gesetzt. Hinzu kommt, dass inzwischen der Prozess zur Eigenbetriebsgründung läuft: Die Dresdner Staatsoperette, das theater junge generation und wir sollen in einen Eigenbetrieb „Städtische Bühnen“ überführt werden, mit einer gemeinsamen Verwaltung und zusammengelegten Werkstätten. Ich glaube, diese Zusammenführung kann für uns alle eine Stärkung bedeuten, zumal uns wiederholt zugesichert wurde, dass die künstlerische Eigenständigkeit, die Intendanzen und die Profile der Häuser nicht angetastet werden. Aber generell denke ich schon viel darüber nach, wie Kulturförderung gerade neu diskutiert wird, auch abseits von Sparzwängen, und was sich möglicherweise strukturell verändert.
Weil HELLERAU nicht nur mit seinem avancierten Programm, sondern leider auch mit seiner prekären Finanzsituation womöglich zunehmend Avantgarde-Charakter hat?
Vielleicht müssen wir uns von bestimmten Vorstellungen tatsächlich verabschieden – völlig unabhängig davon, ob wir das richtig finden oder nicht. Ich war 2024 bei der Tanzplattform in Kaohsiung, in einem riesigen Kulturzentrum im Süden von Taiwan. Als ich den Manager fragte, wie sie den Ort finanzieren, meinte er: Sechzig Prozent Vermietung, vierzig Prozent eigenes Programm. Oder unsere mittel- und osteuropäischen Nachbarn: Vor einigen Wochen fand bei uns das Festival „Transformation Forever“ statt, mit Akteurinnen, die in den 1990er Jahren diese freie, unabhängige Kulturszene in den postsozialistischen Ländern überhaupt erst stolz aufgebaut haben. Die sind bis auf Weiteres Meisterinnen im Schreiben von EU-Anträgen, machen sich aber ansonsten keinerlei Illusionen: „Independent Arts? No perspectives!“ Und das ist keine Schwarzmalerei, sondern einfach eine Zustandsbeschreibung. Ich hoffe nicht, dass freie Kunst in mittlerer Zukunft wieder in Privatwohnungen stattfindet.
Jetzt haben Sie erst mal den Theaterpreis des Bundes bekommen, der nicht nur mit symbolischem, sondern auch mit ökonomischem Kapital einhergeht, konkret in Gestalt von 200.000 Euro.
Der Preis ist eine großartige Anerkennung für das Haus, unser ganzes Team, all die Künstler*innen, das Publikum – wir freuen uns wirklich riesig! Und was das Finanzielle betrifft, existiert bereits eine lange Wunschliste, die allerdings noch nicht spruchreif ist. Aber natürlich geht es darum, den Ort zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von HELLERAU?
Dass es ein Ort der zeitgenössischen freien Künste und Internationalität bleibt und kein Multiplexkino wird. Ganz banal eigentlich.