Der Intendant Stefan Hallmayer, der Geschäftsführer Christian Burmeister-van Dülmen und die Pressechefin Simone Haug vom Theater Lindenhof Melchingen – dem beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Privattheater und Gastspielhäuser ausgezeichneten Haus – im Gespräch mit Christine Wahl

Herr Hallmayer, Herr Burmeister-van Dülmen, Frau Haug, herzlichen Glückwunsch zur Ehrung beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Privattheater und Gastspielhäuser – und zum Auftakt eine Frage, die in dieser Interviewreihe allen in den Spezialkategorien Ausgezeichneten gestellt wird: Wenn Sie Ihr Theater in einem einzigen Requisit symbolisieren müssten – welches wäre das?
Stefan Hallmayer: Ein Zauberstab, weil man damit von jetzt auf gleich in verschiedene Welten und Zeiten springen kann.
Christian Burmeister-van Dülmen: Für mich wäre es ein alter Stein. Wir haben hier auf der Schwäbischen Alb ja einen sehr stein- und kalkhaltigen Boden, und jedes Mal, wenn es regnet, sieht es aus, als ob diese Steine, aus denen auch die Häuser in der Gegend gebaut sind, neu aus der Erde wachsen. Das passt für mich wunderbar zum Lindenhof-Theater.
Simone Haug: Auch für mich wäre es der Stein. Nicht nur, weil wir mit den regionalen Geschichten, die wir zeigen, in diesem Boden wirklich sehr verwurzelt sind. Sondern auch, weil unser eigener Weg als Privattheater ziemlich steinig war und wir selbst durchaus anecken: Wir sind nicht immer bequem.
Was zeigen Sie denn für Stücke?
Hallmayer: Wenn man beginnt, die Steine umzudrehen, stößt man auf großartige Theatergeschichten! Stoffe, die in die Region passen, finden wir bei Erfolgsautoren wie Werner Schwab, Bertolt Brecht oder Franz Xaver Kroetz, aber auch in der Dorfchronik oder der direkten Nachbarschaft. Wenn wir aus den 45 Jahren, seit denen es uns jetzt gibt, eine Erkenntnis gewonnen haben, dann ist es die, dass Weltgeschichte auch in der sogenannten Provinz stattfindet. Zurzeit arbeiten wir zum Beispiel an einem Stück über ein Spionage-Ehepaar, das im Auftrag der russischen Regierung in einem Nachbardorf aktiv war und aufgeflogen ist, als die nichtsahnende Tochter am Frühstückstisch den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilte.
Herr Hallmayer, wie kamen Sie eigentlich im Jahr 1981 auf die Idee, zusammen mit anderen theaterbegeisterten Menschen ausgerechnet im Tausend-Seelen-Ort Melchingen in einer ehemaligen Gaststätte ein Theater aufzubauen?
Hallmayer: Wenn wir alle damals besser hätten rechnen können, hätten wir das sicher nicht gemacht (lacht)! Aber unsere kleine Kompanie hatte schon vorher als lose Gruppe existiert; wir probten mal in Tübingen, mal in Reutlingen, und dann hatte einer plötzlich ein bisschen Geld, und die Dorfgaststätten standen leer. Also haben wir das Gasthaus Linde gekauft und uns dort einmal in der Woche getroffen, gebaut, gekocht und geprobt, wobei sich das Theater als Kern des Ganzen tatsächlich erst später herauskristallisierte. Im Prinzip war das ein Aussteigerprojekt: Wir wollten nicht das machen, was unsere Eltern sich vorstellten. Die meisten Gründer*innen des „Lindenhofs“ waren ländlich sozialisiert, und es ging darum, aus diesen autoritären, archaischen, patriarchalischen Strukturen auszubrechen. Im ersten Stück, das wir aufführten, habe ich eine Frau gespielt: für einen Dörfler damals undenkbar!
Also: Theater als Selbstermächtigung?
Hallmayer: Viele meinten damals: Die spinnen, die sind spätestens in zwei Jahren wieder weg! Aber theaterverrückt und schwäbisch-dickköpfig, wie wir waren, sind wir geblieben und haben den Hof zusammen durchgebracht. Dass er von Anfang an verschuldet war, hat uns umso mehr zusammengeschweißt. Man unterstützte sich gegenseitig, Eltern und Geschwister halfen beim Dachdecken. Und dann hatten wir Erfolg: Die Leute pilgerten aus Reutlingen, Tübingen und sogar aus Stuttgart zu uns hoch.

In Ihrer Satzung bezeichnen Sie Ihr Haus als „kritisch-poetisches Volkstheater“. Was genau verstehen Sie darunter?
Haug: Begriffe wie „Volkstheater“ oder „Heimattheater“ sind ja etwas schwierig, aber für uns steckt darin der positive Gedanke, dass man Theater für die Menschen – und mit den Menschen – macht, deren Geschichten man erzählt. Jedenfalls hat der Begriff nichts mit Volkstümlichkeit zu tun: Den amüsanten Bauernschwank sucht man bei uns vergeblich. Unser Ansatz ist eher kritisch: Wir schauen, wo es knirscht in der Gesellschaft und richten den Spot darauf.
Hallmayer: Das Dorf oder das Ländliche wird ja gern von der Stadt aus beschrieben und mit etwas Defizitärem konnotiert. Und dagegen, dass das Land nur als Versorgungsregion für Städter*innen oder Projektionsfläche für städtische Utopien wahrgenommen wird, wehren wir uns. Ich sage immer: Heimattheater für die Welt, Welttheater für die Heimat – wobei wir letztere im Bloch‘schen Sinne verstehen: Heimat entsteht dort, wo man sich beteiligen und demokratisch mitgestalten darf.
Was bei Ihnen ja wirklich auf eine sehr konkrete Weise möglich ist!
Hallmayer: Wir haben hier, neben den Produktionen mit unseren Profi-Schauspieler*innen, tatsächlich von Anfang an etwas praktiziert, was heute „Partizipation“ heißt – und zwar lange, bevor dieser Begriff überhaupt existierte. Bei uns gibt es regelmäßig Beteiligungsformate: Inszenierungen, in denen zum Beispiel Menschen mit Assistenzbedarf mitwirken oder auch Strafgefangene. Ich glaube fest daran, dass diese eher dörflichen Eigenarten des Sich-Helfens und -Unterstützens und das Aushalten von Unterschiedlichkeiten in unser Theater genetisch eingeschrieben sind. Auch wenn man sich streitet, ist es überlebensnotwenig, dass man den Hof durchbringt und am Ende gemeinsam die Ernte eingefahren wird, da müssen Egoismen hintenanstehen.
Durchforsten Sie tatsächlich regelmäßig die Dorfchronik – oder wie finden Sie ganz konkret Ihre Stoffe?
Haug: Da gibt es verschiedene Wege. Einer führt zum Beispiel über unser spezielles Partnerstadt-Modell: Es gibt 20 Städte, mit denen wir Verträge abgeschlossen haben und denen wir ein regelmäßiges Theaterangebot garantierten. Zum Teil entstehen dort große Projekte zur Stadtgeschichte – wobei alle künstlerischen Freiheiten bei uns liegen. Manchmal passiert es tatsächlich, dass die Stadt dann sagt: Hm, da hätten wir jetzt aber etwas anderes erwartet! Aber damit muss sie klarkommen.
Burmeister-van Dülmen: Mitunter ist das wirklich ein großer Aushandlungsprozess. In einem der ersten Partnerstadt-Projekte des Lindenhof-Theaters – mit Stetten am kalten Markt – war der Bürgermeister, nachdem er das Stück gelesen hatte, total dagegen. Aber die beteiligten Bürger*innen, die natürlich auch Rückhalt im Gemeinderat hatten, beharrten darauf – mit Erfolg.
Hallmayer: Inzwischen machen wir in Stetten am kalten Markt im olympischen Rhythmus – also alle vier Jahre – ein großes Sommertheater-Projekt.
Burmeister-van Dülmen: Da nehmen sich die Menschen, ähnlich wie bei den Passionsspielen in Oberammergau, schon lange im Vorfeld Urlaub, um mitmachen und dabei sein zu können.

Das klingt, als wären Ihre Projekte absolute Selbstläufer – und Sie als Fachfrau für Öffentlichkeitsarbeit eigentlich arbeitslos, Frau Haug?
Haug (lacht): Nein, so ist es leider nicht. Wir müssen uns schon ganz schön was einfallen lassen, um die Menschen hier hochzubekommen. Man kann unser Haus zu den Spielzeiten nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichen. Her kommt man vielleicht noch ohne Auto – aber nach der Vorstellung definitiv nicht mehr weg. Die Mobilität im ländlichen Raum ist ein großes Problem, weshalb wir inzwischen mit einem Carsharing-Service kooperieren.
Burmeister-van Dülmen: Zudem haben wir natürlich mit zwei Landestheatern im nahen Umfeld – Tübingen und Esslingen – starke Konkurrenz. Deren Aufgabe besteht ja explizit darin, aufs Land zu gehen und dort zu spielen, dafür erhalten sie ihre Zuwendungen. Für uns ist der Tourbetrieb ebenfalls ein wichtiges Standbein, und wir bekommen natürlich auch ein bisschen Geld, aber es bleibt dennoch eine Herausforderung.
Tatsächlich müssen Sie – neben institutioneller Förderung durch Land, Landkreise und Gemeinde sowie vertraglich gesicherte Beiträge der Partnerkommunen – beträchtliche Eigenerlöse erwirtschaften und gehen dafür originelle Wege. Ihre Kasse ist zum Beispiel gleichzeitig ein Tourismusbüro, Ihre Garderobe tagsüber ein Friseursalon.
Haug: Wir haben vor einigen Jahren – angestoßen durch das Förderprogramm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes – noch einmal neu über unser Theater nachgedacht. Im Ort fehlte eine Tourist-Information, obwohl direkt am Lindenhof ein zentraler Radweg vorbeiführt. Also haben wir mit den Gemeinden eine Kooperation geschlossen und bieten seither in unserem Ticket-Büro auch Wander- und Fahrradkarten an.
Burmeister-van Dülmen: Der Friseursalon kam ebenfalls im Rahmen dieses Projekts in unser Haus. Es gibt nämlich sonst keinen in Melchingen, und entsprechend gut wird das Angebot angenommen. Wir dachten einfach: Warum sollen Räumlichkeiten, die wir nur abends benötigen, nicht tagsüber anderweitig genutzt werden? Das ist erstens nachhaltig, bildet zweitens eine wunderbare Schnittstelle zwischen Kunst und Gesellschaft und hat drittens auch für uns einen Mehrwert: Vielleicht wird jemand, der oder die sich tagsüber hier die Haare schneiden lässt, auch neugierig darauf, abends mal eine Theatervorstellung zu besuchen?
Die Auszeichnung beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Privattheater und Gastspielhäuser geht mit einem Preisgeld von 100.000 Euro einher. Was ist Ihnen eigentlich wichtiger: das symbolische Kapital oder das ökonomische?
Hallmayer: Sowohl als auch. Wenn du 45 Jahre lang Theater machst, hast du viele Momente, in denen du dich fragst: Warum habe ich das bloß angefangen? Ich bin jetzt 65 und denke manchmal, ich habe meine gesamte Versöhnungsenergie verbraucht, ich kann nicht mehr. Aber dann spielst du plötzlich irgendwo vor einem beglückten Publikum – oder bekommst sogar einen Preis –, und dann weißt du: Es hat sich gelohnt!
Haben Sie das Preisgeld schon verplant?
Burmeister-van Dülmen: Wir wollen ein interdisziplinäres Theaterprojekt in einer über 100 Meter langen Halle realisieren – einem Industriedenkmal, das zur klingenden Werkstatt werden und sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Handwerk beschäftigen soll.
Haug: Nämlich gleichzeitig philosophisch und handfest: Handwerke*innen aus sechs verschiedenen Berufen werden da zusammen mit unseren Spieler*innen und einem Bürgerensemble auf der Bühne stehen.
Hallmayer: Abgesehen davon, dass sich im Kontext des Handwerks ja viele Themen bearbeiten lassen, die uns zurzeit umtreiben – von der Dienstleistungsgesellschaft bis zur Digitalisierung –, ist das auch eine gute Möglichkeit, Menschen ins Theater zu bekommen, die sonst vielleicht nicht so häufig hingehen.
Herr Hallmayer, Sie verabschieden sich – als letztes Gründungsmitglied des Lindenhof-Theaters – zum Ende der Spielzeit in den Ruhestand. Was würden Sie Ihren Intendanz-Nachfolgerinnen Sophie Miller und Nora Haakh beziehungsweise jungen Theaterleuten generell mit auf den Weg geben?
Hallmayer: Dass es sich lohnt, für die Kunst zu kämpfen, weil man mit ihr etwas bewirken kann – auch, wenn die Aussicht auf gute finanzielle Entlohnung gering ist. Und dass es nicht nur darum geht zu fragen: „Wo ist die Bühne, auf der ich spielen kann?“, sondern darum, selbst immer wieder neue Spielräume zu schaffen.