„Ein Back-up, den wir wie einen Schatz hüteten“

Von Christine Wahl

Gabi dan Droste, Künstlerische Leiterin des FELD Theaters, im Gespräch mit Christine Wahl über die schwierige Zeit nach dem Gewinn des Theaterpreises des Bundes und die Investition des Preisgeldes.

©DorotheaTuch

Gabi dan Droste, Sie haben 2024 mit dem freien Berliner FELD Theater den Theaterpreis des Bundes in der Kategorie ‚Freie Produktionshäuser‘ gewonnen – und zwar als erstes Haus, das sich schwerpunktmäßig an ein junges Publikum richtet. Was ist seither passiert?

Gabi dan Droste: Unsere Situation kurz nach der Preisverleihung war desaströs. Mitten in die Freude über diese Auszeichnung hinein platzten mehr oder weniger wirre Informationen, die uns verunsicherten und im Ergebnis signalisierten: Es ist völlig unklar, wie es ab Januar 2025 mit der Kultur in Berlin weitergehen wird.

Das war vor ziemlich genau einem Jahr, als fast die komplette Berliner Kulturszene überraschend und äußerst kurzfristig seitens des Berliner Senats mit drastischen Sparmaßnahmen konfrontiert wurde.

Droste: Für uns bedeutete das, dass wir die wenigen Angestellten, die im FELD Theater arbeiten, kurz nach der Preisverleihung bitten mussten, sich bei der Agentur für Arbeit als arbeitssuchend zu melden. Denn die bereits in Aussicht gestellte Basisförderung für das komplette Jahr 2025 konnte seitens der Senatsverwaltung nicht zugesichert werden. Kurz vor Weihnachten 2024 kam lediglich ein Quartalsbescheid – also die Zusage, dass wir die Förderung für die Monate Januar bis März 2025 bekommen. Von den zahlreichen Einzelprojektanträgen wiederum, die die Künstler*innen selbst gestellt hatten und auf denen der große Teil des Programms im FELD Theater basiert, wurde nur einer bewilligt, und zwar für eine Inszenierung mit Premierentermin in 2026.

Sie hingen also praktisch von einem Tag auf den anderen für das Jahr 2025 komplett in der Luft?

Droste: Ja, so war es leider. Wir sind eigentlich ein ‚Premierenhaus‘ mit in der Regel sechs bis sieben Premieren im Jahr – nun hatten wir plötzlich einen Nullstand. Schlussendlich hieß das: Wir mussten für Januar und Februar 2025 schließen; wir konnten einfach kein Programm anbieten. Der Spielplan brach auch für die folgenden Monate zusammen. Es war nicht sicher, wie und ob der Standort überhaupt weiter bestehen kann.

Das klingt dramatisch!

Droste: Ja, das war ein extrem harter Schlag. Wir haben uns mit kulturellen Bildungsprojekten und ein wenig Spielbetrieb über Wasser gehalten, der zum Teil aus solidarischen Initiativen von Kooperationspartner*innen generiert wurde. Einen Spielblock für sehr junge Kinder konnten wir aus einer privaten Spende ermöglichen.

Eine wirklich schwierige Zeit!

Droste: Tatsächlich, auch emotional. Nicht zuletzt ist es auch eine wichtige Quelle der eigenen Motivation: dass gespielt wird, dass das Haus voll ist, dass Leben herrscht und man mit der Kunst mitfiebert. Schließlich ist das der Grund, warum wir das alles machen. Und plötzlich war es so still, so leer. Umso dankbarer bin ich allen Initiativen, Netzwerkpartner*innen, Theatern, Verbänden, Freund*innen und Unterstützer*innen des Hauses, die trotz der Lage einfach weiter hergekommen sind und uns gefragt haben, wie sie helfen können.

Was bedeutete vor diesem Hintergrund der Theaterpreis des Bundes für Sie?

Droste: Unter den geschilderten Umständen war dieser Preis für uns überlebensnotwendig! Er bildete sozusagen unser Back-up, den wir wie einen Schatz hüteten, und unseren Puffer für Überbrückungen.

Dabei hatten Sie mit dem Preisgeld eigentlich andere Pläne…

Droste: … die wir aber, der schwierigen Situation zum Trotz, auch realisieren! Zum einen gab es hier am Haus kürzlich eine Residenz von Hyemi Jo und Paulina Güllü, zwei Tauben Künstlerinnen, mit einem Stipendium und einer offenen Probenwerkstatt. Das ist insofern extrem wichtig, als solche Formate für Taube Künstlerinnen tatsächlich oft die einzigen Aus- oder Weiterbildungsmöglichkeiten darstellen. Kunst- und Theaterhochschulen in Deutschland sind nach wie vor nicht barrierefrei für sie.

Es gibt noch eine zweite Sache, die Sie vom Preisgeld des Theaterpreises finanzieren wollten: Alle Mitarbeitenden des FELD sollten – da die Arbeit mit Tauben Menschen an Ihrem Haus generell einen zentralen Schwerpunkt darstellt – die Möglichkeit bekommen, DGS zu lernen, die Deutsche Gebärdensprache.

Droste: Genau. Die Kürzungen und Wirrungen hatten auch massive Auswirkungen auf unsere Personalstruktur, sodass wir zunächst auf ein minimales Kernteam geschrumpft waren. Aktuell stellen wir uns wieder neu auf, es kommen Kolleg*innen hinzu. Und die Mittel des Theaterpreises ermöglichen uns, jetzt tatsächlich zusammen DGS zu lernen. Endlich, denn Kommunikation ist in unserem Haus immer noch ein großes Thema. Wir arbeiten bilingual, und ich bedaure es wirklich sehr, dass ich immer noch nicht fließend gebärden kann.
Neben den real umsetzbaren Projekten möchte ich aber auch eine ganz andere Wirkung durch den Theaterpreis beschreiben.

Nämlich?

Droste: Eigentlich haben wir ja eine unterfinanzierte Struktur zum Leben erweckt. Die Auszeichnung hatte einen empowernden Effekt für alle, auch für externe Mitstreiter*innen von FELD. Menschen, die als Wegbegleiter*innen auch beim Festakt der Preisverleihung dabei waren – wie zum Beispiel Cornelia Stauss von der Initiative Kiezkultur zur Rettung des Theaters am Winterfeldtplatz oder auch Künstler*innen und Kolleg*innen – sind nun im Kampf um den Ort dabei. Der Preis hat uns alle ermutigt weiterzumachen. Ich bin mir nicht sicher, wie wir ohne ihn den Mut gefunden hätten.

Inzwischen sieht ja auch die finanzielle Situation wieder deutlich positiver aus: Bei der Basisförderung der Produktionsorte für 2026/2027 gehörte das FELD mit einer Summe von 220.000 Euro pro Jahr zu den am höchsten geförderten Institutionen in diesem Segment. Wie geht es denn jetzt perspektivisch weiter, welche Pläne und Ideen haben Sie?

Droste: Ja, die Basisförderung ermöglicht eine gewisse Grundfinanzierung der Struktur. Ich denke, künftig wird der Community-Aspekt eine noch größere Rolle spielen. Denn wenn, strukturell und insgesamt gesprochen, die Kunstförderung zurückgeht, stellt sich ja auch die Frage, über welches Potenzial der Ort sonst noch verfügt. Der Gedanke, die Türen noch ein bisschen weiter zu öffnen und noch stärker in den Dialog mit unseren Besucher*innen zu gehen, gefällt mir sehr gut.