Stawrula Panagiotaki, Leiterin der studiobühneköln, und Clemens Leander, Schauspieldirektor und Kostümbildner am Theater Magdeburg, im Gespräch über ihre Jurytätigkeit für den Theaterpreis des Bundes 2026 mit Christine Wahl
Frau Panagiotaki, Herr Leander, herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Entscheidungsfindung! Als zwei von insgesamt neun Jurymitgliedern haben Sie das Europäische Zentrum der Künste HELLERAU in Dresden für den Theaterpreis des Bundes und drei weitere Institutionen für Auszeichnungen in speziellen Kategorien ausgewählt – aus insgesamt 63 Bewerbungen. Wie lange dauerte Ihre Jurysitzung?
Clemens Leander: Am Ende waren es, glaube ich, fünf Stunden – exklusive Pausen.
Stawrula Panagiotaki: Wir haben tatsächlich den kompletten vorgesehenen Zeitrahmen ausgeschöpft, und es wurde auch wirklich jede Minute gebraucht. Ich kann nicht behaupten, dass wir nicht gerungen hätten!
Worum denn genau?
Panagiotaki: Es gab einfach sehr, sehr viele tolle Bewerbungen, sodass wir immer wieder neu ansetzen und noch einmal aus allen Richtungen die Argumente wälzen mussten.
Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Panagiotaki: Auf jeden Fall!
Leander: Mit Stawrula und mir haben Sie tatsächlich zwei Jurymitglieder für Ihr Gespräch erwischt, die gerade, was den Hauptpreis für HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste betrifft, zu den ersten Fürsprecher*innen gehörten. Wir sind also beide sehr glücklich! Abgesehen davon, dass in HELLERAU großartige Arbeit geleistet wird, freue ich mich besonders darüber, dass wir damit ein Zeichen für ein Haus im Osten und für eine Institution setzen konnten, die Anfeindungen etwa seitens der AfD ausgesetzt ist. Ich finde, da können wir wirklich mal ganz uneitel sagen: Wir haben alles richtig gemacht (lacht).
HELLERAU ist gleichzeitig ein Haus, das durch schmerzhafte Zuwendungskürzungen der öffentlichen Hand unverschuldet in existenzielle Bedrängnis geraten ist – als Ausnahme-Bühne für performative Künste und Ankerinstitution der Freien Szene im Osten der Republik gleichermaßen. Spielten diese Erwägungen auch eine Rolle, oder haben Sie strikt nach künstlerischen Kriterien entschieden?
Leander: Gemäß der Ausschreibung sind wir zwar angehalten, die Preisträger*innen unter ästhetischen Gesichtspunkten auszuwählen, aber ich glaube, man kommt nicht umhin, die jeweiligen Kontexte mitzudiskutieren – schon allein deshalb, weil viele der Jurymitglieder selbst Häuser leiten beziehungsweise künstlerisch in ihnen tätig sind und die kulturpolitische Gemengelage aus eigener Erfahrung kennen.
Panagiotaki: Tatsächlich gab es während der Diskussion sogar immer wieder Situationen, wo wir uns in diesen strukturellen Fragen komplett zu verhaken drohten. Da brauchte man die Rückbesinnung auf das künstlerische Programm regelrecht als Reset-Moment: Stop, Leute, lasst uns noch mal genau darauf schauen, wofür dieses Haus ästhetisch und inhaltlich steht! Diesen Punkt als oberste Prämisse immer wieder zu betonen und sich darauf zu berufen, fand ich wichtig.
Der Auswahlprozess beinhaltet mehrere Schritte. Am Anfang stehen drei jeweils dreiköpfige Fachjurys für die Spezialkategorien Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen, Freie Produktionshäuser sowie Privattheater und Gastspielhäuser. Wie geht es dann weiter, wie muss man sich das Prozedere bis zur finalen Entscheidungsfindung konkret vorstellen?
Leander: Als Juror*in bekommt man die Bewerbungsunterlagen der betreffenden Institutionen für den eigenen Fachbereich zugeschickt – das waren in meinem Fall die Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen und bei Stawrula die Freien Produktionshäuser – und entscheidet sich zuerst ganz individuell für drei Kandidat*innen. Mit dieser persönlichen Liste geht man in den ersten Termin – eine Zoom-Sitzung mit der Fachjury. Dort liegen also maximal neun Vorschläge auf dem Tisch, von denen sich jede Fachjury in ihrer Sitzung wiederum auf drei einigt. Mit denen fährt sie später zur großen Entscheidungssitzung nach Berlin, wo schließlich alle neun Juror*innen gemeinsam aus den neun verbliebenen Kandidat*innen den Hauptpreis und die drei Auszeichnungen auswählen.

Was haben Sie als größte Herausforderung in der Juryarbeit empfunden?
Panagiotaki: Die Unvergleichbarkeit der Häuser! Ich weiß wirklich nicht, wie oft wir während unserer Diskussion die Redewendung von den Äpfeln und Birnen bemüht haben (lacht).
Leander: Das ging mir genauso. Die Bandbreite der sich bewerbenden Institutionen ist so groß, dass man finanziell solide oder sogar vergleichsweise großartig ausgestattete Kandidat*innen mit Häusern vergleichen muss, die zum Beispiel seit Jahren darum kämpfen, überhaupt nur eine Theaterpädagogin anstellen zu können. Entsprechend drehte sich ein Großteil unserer Debatte um die Frage, wozu man diesen Preis eigentlich nutzen will: Lenkt man den Blick auf Häuser, die bislang noch nicht so sichtbar waren? Oder prämiert man eine bestimmte Form von Exzellenz? Diese Überlegung zog sich tatsächlich durch die komplette Diskussion.
Welche Kriterien haben Sie für sich als Jury letztlich zur Entscheidungsfindung entwickelt?
Leander: Die Kriterien waren insofern erst einmal vorgegeben, als wir auf der Basis der Bewerbungen der Häuser klar Zurückliegendes zu bewerten hatten: Als Grundlage galten die letzten beiden Spielzeiten mit Blick auf die Entwicklung, die in dieser Zeitspanne an der jeweiligen Institution stattgefunden hat. Unser Kriterium war nicht, an welchem Haus die herausragendsten Einzelproduktionen entstanden sind, sondern es ging um die größte Ambition, den erfolgreichsten Prozess und das konsequenteste Verfolgen einer Idee.
Panagiotaki: Außerdem haben wir immer wieder darauf geschaut, wo und wie die Häuser verortet sind und welche Publika sie erreichen. Und auch, wenn man sich über Ästhetik bekanntlich wunderbar streiten kann, war uns allen ein prinzipiell zeitgenössischer Theaterbegriff wichtig, unabhängig davon, wie er konkret aussieht.
Sie haben durch die Lektüre der Bewerbungen einen enormen Überblick über die Situation der Bühnen im deutschsprachigen Raum gewonnen. Was würden Sie sagen: Wie geht es dem Theater zurzeit?
Panagiotaki: Leider eher schlecht. Die finanzielle Lage war in nahezu allen Bewerbungen ein Riesenthema. Man merkt, wie existenziell der Spardruck, der zurzeit fast überall herrscht, die Häuser und die Künstler*innen umtreibt, und spürt eine enorme perspektivische Unsicherheit.
Leander: Die Häuser sind ja angehalten, in ihren Bewerbungen auch die Frage zu beantworten, was sie mit dem Preisgeld vorhaben. Eine der meistgegebenen Antworten lautete tatsächlich, dass man damit Produktionen realisieren wolle, die wegen gestrichener Mittel weggefallen sind. Das finde ich, ehrlich gesagt, extrem problematisch: Es kann und darf ja nicht die Aufgabe eines Bundespreises sein, Ausfälle zu kompensieren, weil Kommunen oder Länder sich aus der Kulturförderung zurückziehen!
Panagiotaki: Ja, das ist absolut problematisch. Auch fehlende Gelder für Sanierungs- und Baumaßnahmen spielten eine enorme Rolle. Und ein dritter Punkt, der sich durch fast alle Bewerbungen zog, ist Access, also die Frage, wie Zugänge geschaffen werden können – beim Personal genauso wie im Programm und für das Publikum: Welche Stücke werden gezeigt, wer wird angesprochen, wie können Aufführungen durch Audiodeskription, Leitsysteme oder andere Maßnahmen tatsächlich zugänglicher werden? Dass das so flächendeckend mitgedacht wird, finde ich bemerkenswert – und hoffe sehr, dass das auch künftig ein zentrales Thema bleibt!
Leander: „Öffnung“ ist tatsächlich noch mal ein gutes Stichwort! Foyers als soziale Räume, Theater als Dritte Orte: Dass das Aufgabengebiet der Häuser immer weiter wächst, ist ebenfalls in vielen Bewerbungen präsent – und zunächst ja auch einmal eine sehr begrüßenswerte Entwicklung. Nur: Ein Foyer zu öffnen heißt eben nicht, einfach nur die Tür aufzuschließen! Und dass diese zusätzlichen Anforderungen, die an die Bühnen gestellt werden, auf immer knapper werdende Kassen treffen, macht die Lage umso dramatischer.
Gibt es eine Erkenntnis aus Ihrer Juryarbeit, die Sie wirklich überrascht hat?
Panagiotaki: Mir fällt spontan etwas ein, das mich vielleicht weniger überrascht, aber dafür umso mehr beeindruckt hat: Ich fand diesen deep dive in andere Häuser unglaublich anregend – und hatte tatsächlich das Gefühl, dass das direkt in meine eigene Arbeit hineinwirkt. Wenn mir später Künstler*innen von Projekten erzählten, dachte ich oft sofort: Das könnte doch gut an Haus X oder Y andocken, weil dort gerade in genau diese Richtung gearbeitet wird. Wie ungeheuer präsent mir diese Bewerbungen bleiben würden – das hatte ich tatsächlich nicht erwartet! Und ich war sehr berührt, mit welcher Liebe und Hingabe jedes einzelne Haus seine Unterlagen verfasst hatte!
Leander: Das ging mir ähnlich. Auch mir ist durch die Juryarbeit noch einmal bewusst geworden, wie vielfältig die Theaterlandschaft ist und wie viel spannende Arbeit auch an Orten passiert, die man gar nicht ohne Weiteres auf dem Schirm hat. Deshalb finde ich, man kann eigentlich allen Häusern nur raten, sich immer wieder zu bewerben! Denn dass es diesmal nicht geklappt hat, heißt ja überhaupt nicht, dass die betreffende Bewerbung womöglich schwach gewesen wäre. In der Endrunde spielen so viele Abwägungen, Relationen und Konstellationen in das Ergebnis hinein, dass man aus einem Nicht-Gewinn wirklich keine qualitative Aussage ableiten sollte! Wir haben uns in der Schlusssitzung eigentlich nie gegen ein Haus entschieden, sondern immer nur unter vielen starken Kandidat*innen abgewogen. Man hätte ohne Mühe noch viel mehr Bewerber*innen für ihre exzellente Arbeit auszeichnen können.
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