2024 war das Ernst-Barlach-Theater Güstrow eines der Gewinner des Theaterpreises des Bundes. Jetzt sprechen die Intendantin Johanna Sandberg und die Theaterpädagogin Jazz Brantsch mit Christine Wahl darüber, was sich seither verändert hat und wie das Preisgeld investiert wurde.

Frau Sandberg, als Sie 2024 mit dem Ernst-Barlach-Theater Güstrow den Theaterpreis des Bundes bekamen, wussten Sie sofort, was Sie mit dem Preisgeld vorhaben; nämlich eine Theaterpädagogin einstellen, um die kulturelle Bildungs- und Vermittlungsarbeit zu stärken. Jetzt sind wir tatsächlich zu dritt im Zoom-Interview, neben Ihnen sitzt die Theaterpädagogin Jazz Brantsch.
Johanna Sandberg: Genau, sie ist seit Mitte September hier, und wir haben mit Beginn der Spielzeit auch direkt angefangen, Theaterkurse anzubieten. Das läuft ganz wunderbar!
Frau Brantsch, Sie sind wirklich hyperschnell eingestiegen. Auf welchem Weg kamen Sie denn ans Ernst-Barlach-Theater nach Güstrow?
Jazz Brantsch: Ich bin ausgebildete Schauspielerin und war nach meinem Diplom erst einmal freischaffend in Film, Fernsehen und Theater tätig. Als ich nebenbei zu unterrichten begann, merkte ich, dass auch die Theaterpädagogik ein Gebiet ist, das mich sehr interessiert. Also habe ich auch darin noch einen staatlich-anerkannten BuT-Abschluss gemacht und mich anschließend deutschlandweit an Theatern beworben. Die Stelle in Güstrow hat mich deshalb besonders gereizt, weil die Theaterpädagogik hier ganz neu entsteht und ich so von Anfang an meine eigenen Ideen einbringen konnte. Als ich die Zusage bekam, bin ich spontan von Köln nach Güstrow gezogen.
Wie sehen Ihre theaterpädagogischen Angebote fürs Ernst-Barlach-Theater konkret aus?
Brantsch: Aktuell haben wir zwei Kurse. Der erste ist unser TheaterENTDECKER-Kurs, der sich an Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren richtet und in dem es um die absoluten Grundlagen geht: Bühnenpräsenz, Stimmtraining, Wahrnehmung, aber auch die Frage, wie ich mich im Theater verhalte. Dass ich den anderen zuhöre, wenn sie auf der Bühne stehen, oder dass ich – anders als im Kino – im Zuschauerraum nicht esse und trinke. Gleichzeitig gibt es ein Motto für diesen Kurs. Das lautet „Wahrheit ist Ansichtssache“, weil die Teilnehmenden hier trainieren, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Diese Übung lässt sich ja auch in soziale Kontexte übertragen: Man lernt nachzuvollziehen, warum eine Person in einer bestimmten Situation eine bestimmte Reaktion zeigt. Und das ist mein Ziel: dass wir alle den Blick ein bisschen weiter öffnen können.
Und was passiert im zweiten Kurs?
Brantsch: Unser zweites Angebot, die TheaterSPIELER, verstehen sich als Mehrgenerationenkurs für Menschen ab siebzehn Jahren. Dort arbeite ich auch mit biografischen Ansätzen und Methoden des Forumtheaters nach Augusto Boal.
Also einer partizipativen Theaterform, die darauf abzielt, Bewusstsein für gesellschaftliche Vorgänge zu schaffen und Menschen zur aktiven Mitgestaltung zu befähigen, indem spielerisch Lösungen für die verhandelten Probleme geprobt werden.
Brantsch: Genau. Inhaltlich geht es darum, was Güstrow bewegt, was speziell die einzelnen Teilnehmenden umtreibt und welche Themen in der Gruppe präsent sind. Daraus entwickeln wir dann ein gemeinsames Stück.
Sandberg: Ein Gedanke, den ich dabei immer auch im Hinterkopf habe, ist, dass das Ernst-Barlach-Theater im Jahr 2028 seinen 200. Geburtstag feiert. Zu diesem Jubiläum möchte ich gern ein Programm präsentieren, in dem die Menschen dieser Stadt ihre Themen selbst auf die Bühne bringen.
Was sind denn die „Themen der Menschen dieser Stadt“?
Brantsch: Bei den Jüngeren ist es besonders die Frage: Wie können wir ein Sprachrohr sein? Sie sind sehr wach und haben viele Ideen, fühlen sich aber zu wenig gehört in der Gesellschaft, sowohl politisch als auch generell. Da kann das Theater sehr unterstützend sein!
Und was treibt die Teilnehmenden im Mehrgenerationenkurs um?
Brantsch: Bei den Erwachsenen hat jede und jeder noch mal individuelle Themen. Ein Komplex, den aber viele teilen, ist Elternschaft – und, damit einhergehend, die Work-Life-Balance. Ich habe viele Mütter in meinem Kurs und merke immer, wie viel Mühe sie dafür aufwenden, eine Kinderbetreuung zu organisieren, damit sie regelmäßig kommen können. Sie spiegeln mir, dass der Kurs für sie ein Ort ist, an dem sie einmal in der Woche in einem geschützten Raum jenseits der Alltagsrealität und -pflichten kreativ sein und sich selbst auch noch einmal neu kennenlernen können, als Individuen, aber auch miteinander. Und weil dieser Ort so geschützt ist und wir außerdem ganz am Anfang des Prozesses stehen, kann ich auch noch nicht konkreter über die Inhalte sprechen.
Gibt es etwas, was Sie bei Ihrem theaterpädagogischen Start am Ernst-Barlach-Theater besonders überrascht hat?
Brantsch: Ja, dass so viele Menschen in einem eher höheren Alter Interesse an meinem Kurs zeigen! Ich habe einige Teilnehmende ab 60, aber auch über 70-jährige – das ist alles andere als selbstverständlich. Ich kannte in dieser Altersgruppe bisher eher Menschen, die sich zurückziehen. Dass man da aber noch einmal auf die Bühne geht und etwas ganz Neues ausprobiert, finde ich großartig!
Frau Sandberg, die Güstrower Stadtbevölkerung engagiert sich überdurchschnittlich stark für ihr Theater, entscheidende Sanierungsmaßnahmen wie eine neue Bestuhlung im Zuschauerraum konnten zum Beispiel dank privater Spenden realisiert werden. Schlägt sich diese hohe Identifikation mit dem Haus auch in der Nachfrage nach den Kursen nieder?
Sandberg: Auf jeden Fall! Wir könnten theoretisch viel mehr Kurse anbieten, aber das ist zeitlich und personell leider nicht machbar. Deswegen haben wir uns erst einmal auf diese beiden Kurse konzentriert. Es gibt aber schon Ideen, das Angebot weiter auszubauen. Zum Beispiel sind wir mit dem hier in Güstrow ansässigen Landesförderzentrum im Kontakt, das Kinder mit Hörbeeinträchtigungen schult. Das dortige Kollegium war schon vor einiger Zeit an mich herangetreten und von der Aussicht, dass wir eine Theaterpädagogin bekommen, begeistert. Jetzt entwickeln wir gemeinsam Ideen für inklusive Angebote.
Das Ernst-Barlach-Theater arbeitet nicht mit Eigenproduktionen und einem eigenen Ensemble, sondern ist ein Gastspielhaus. Ist es trotzdem möglich – beziehungsweise streben Sie es überhaupt an –, die theaterpädagogischen Angebote auf die Gastspiele abzustimmen, oder existieren die Kurse komplett unabhängig davon?
Sandberg: Bis jetzt gibt es noch keine konkreten Berührungspunkte, aber wir beobachten, dass manche Kursteilnehmenden sich inzwischen auch zu gemeinsamen Theaterbesuchen verabreden. Ich finde das sehr schön, und wir überlegen, wie wir das weiter ausbauen können. Eine Idee ist zum Beispiel, eine Art Theaterstammtisch ins Leben zu rufen, den Frau Brantsch betreuen würde und wo man sich gemeinsam die Aufführungen anschaut und anschließend darüber diskutiert.
Nun ist ja das theaterpädagogische Angebot, das auf so immenses Interesse und rege Nachfrage stößt, tatsächlich aus dem – einmaligen – Preisgeld des Theaterpreises des Bundes finanziert. Wie wird es denn perspektivisch weitergehen? Sehen Sie eine Möglichkeit, die theaterpädagogische Stelle und damit das entsprechende Angebot zu verstetigen?
Sandberg: Ich möchte das natürlich unbedingt verstetigen, das war von Anfang an mein Wunsch und Ziel! Wir hoffen, dass wir dadurch, dass wir allen Menschen hier zeigen, wie wichtig und wunderbar diese Arbeit für die Stadt und den gesamten Landkreis ist, auch bei Politik und Verwaltung die Herzen öffnen – und dass es mir als Intendantin gelingt, dafür neue Gelder zu akquirieren.

Bei unserem letzten Gespräch erzählten Sie, dass Sie zusätzlich auch für Sanierungsmaßnahmen kämpfen, etwa in Bezug auf baufällige Garderoben. Ein entsprechender Antrag, den Stadt und Landkreis gemeinsam eingereicht hatten, war aber leider vorerst nicht bewilligt worden.
Sandberg: Generell sind wir – auch dank des Theaterpreises des Bundes – auf einem guten Weg. Sowohl die Stadt als auch der Landkreis haben sich darauf verständigt, das Theater gemeinsam in die Zukunft führen zu wollen; aktuell wird an einer neuen Kooperationsvereinbarung zwischen beiden gearbeitet, um die Planung eines Garderobenhauses sowie eines möglichen Theatercafés zu veranlassen. In diesem Zuge würde dann auch die Barrierefreiheit zum Hauptsaal gewährleistet; die Planungsgelder sind eingestellt.
Glückwunsch!
Sandberg: Der Theaterpreis des Bundes hat wirklich sehr viel Positives bewirkt, auch bei Politik und Verwaltung. Das Publikum wusste ja schon immer, dass das Ernst-Barlach-Theater großartig ist. Jetzt wissen es alle anderen auch! (Lacht)