Der kulturpolitische Jackpot

Von Christine Wahl

Kathrin Mädler, die Intendantin des Theaters Oberhausen und Gewinnerin beim Theaterpreis des Bundes in der Kategorie Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen, im Gespräch mit Christine Wahl

Zwischen in, von der Decke kommenden großen Lichterketten bewegen sich vier Darsteller*innen in mächtigen Kostümen: wallend-bauschige Kleider in beige verbergen ihre Körper, auf dem Kopf tragen sie Dinosauriermasken.
© Andreas Etter

Frau Mädler, herzlichen Glückwunsch zur Ehrung in der Kategorie Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen beim Theaterpreis des Bundes – und zum Auftakt eine Frage, die in dieser Interviewreihe allen in den Spezialkategorien Ausgezeichneten gestellt wird: Wenn Sie Ihr Theater in einem einzigen Requisit symbolisieren müssten – welches wäre das?

Kathrin Mädler: Dann würde ich unser Theater nicht in einem Requisit, sondern in der Requisite als Abteilung symbolisieren: Diese kleine, wendige, extrem phantasievolle, leidenschaftliche, super hart arbeitende, dabei extrem coole und zugewandte und nie nein-sagende Abteilung spiegelt stellvertretend, was hier alle Abteilungen auszeichnet.

Als Intendantin haben Sie die Ehrung jetzt zum zweiten Mal erhalten. Schon 2019 gehörte Ihr Haus – damals das Landestheater Schwaben in Memmingen – zu den preisgekrönten Bühnen. Verraten Sie Ihr Erfolgsrezept?

Mädler (lacht): Ich glaube, das liegt nicht bei der Leitung, sondern im Team – und das ist hier in Oberhausen, genau wie damals in Memmingen, absolut großartig! Tatsächlich muss man Lust haben, gemeinsam radikal darüber nachzudenken, welche Rolle man als Theater in der Stadt spielen will: Was für einen Ort braucht es für die spezielle Stadtgesellschaft, welche Art von Kunst ist hier richtig? Und radikal meint, dass man sich selbstkritisch befragen und fokussieren muss: Was können wir gut, was interessiert uns wirklich, was können wir glaubhaft vertreten – und was machen wir vielleicht auch nicht mehr? Denn wenn man selbst nicht dafür brennt, was man tut, werden die Sachen halbgar, und dann kommt auch vom Publikum keine Leidenschaft zurück.

Was wäre denn so eine Sache, die Sie in Oberhausen nicht mehr tun?

Mädler: Wir – damit meine ich vor allem unsere phantastische Dramaturgie – haben uns von vornherein abgewöhnt zu sagen: Wir inszenieren jetzt einen Kleist oder einen Schiller oder einen Lessing, bloß weil wir denken: ‚Man müsste mal wieder einen Klassiker machen!‘ Klar ist „Prinz Friedrich von Homburg“ ein irres Stück, keine Frage! Aber ist es wirklich das, was uns jetzt etwas zu sagen hat? Ich gebe ehrlich zu, dass mich der Kanon immer weniger interessiert, und dasselbe stelle ich bei den Kolleg*innen in unseren Dramaturgiesitzungen fest: Im Schnitt liegen mindestens drei zeitgenössische Stoffe auf dem Tisch, die uns mehr fesseln als der Klassiker – selbst wenn wir da eine aktuelle Anknüpfung finden. Also haben wir uns konsequent für Zeitgenossenschaft entschieden und streng darauf geeinigt, dass uns bei jeder Position, die wir in den Spielplan aufnehmen, wirklich hundertprozentig klar sein muss, warum.

Sie sind nicht nur Anhängerin eines gegenwärtigen, sondern auch eines dezidiert „emotionalen“ Theaters. Was genau verstehen Sie darunter?

Mädler: Ich will von Theater auf jeden Fall angefasst sein! Das ist natürlich auch eine persönliche Geschmacksfrage, aber ich mag tatsächlich nicht so diese coolen Abende mit den uneigentlichen Spielformen, bei denen ich immer das Gefühl habe, der oder die Theatermacher*in weiß es eigentlich besser und stellt sich hypersouverän neben den Stoff und vielleicht sogar über die Figuren. Ich glaube, mit meinem Theaterverständnis passe ich auch ganz gut zum hiesigen Publikum. Das ist so ein bisschen no-shit-mäßig drauf: Man lässt sich nichts vormachen. In Oberhausen geht man nicht ins Theater, weil man eben ins Theater geht, sondern in Oberhausen geht man ins Theater, weil man sich ganz konkret für genau das interessiert, was da heute Abend auf der Bühne stattfindet.

Welche Themen sind es denn, die die Leute zurzeit am meisten umtreiben?

Mädler: Ich glaube, ein Großteil ist tatsächlich extrem mit sozialen Fragen beschäftigt. Oberhausen hat eine sehr hohe Arbeitslosenquote – und bestürzende AfD-Zustimmungswerte. Eigentlich sind wir ja klassisches SPD-Gebiet mit einem sozialdemokratischen Bürgermeister, aber die AfD kam bei der letzten Kommunalwahl auf 21,5 Prozent und hat jetzt 13 Sitze im Stadtrat. Das ist natürlich ein Riesenthema – und provoziert die Frage, wie man in einer so herausgeforderten Stadtgesellschaft die Verbindung untereinander aufrechterhalten kann. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier genau darin sehr gut sind: Zukunftsperspektiven für ein würdiges Zusammenleben zu entwickeln.

Inwiefern?

Mädler: Man merkt der Stadt einfach an, dass sie unglaublich transformationsgeübt ist. Das Wissen darum, dass man sich ständig verändern muss, hat sich hier tief eingeschrieben. Das ist auch das, was mich an Oberhausen so rührt und was die Stadt aus meiner Sicht ganz eng mit dem Theater verbindet: Es existiert ein großes Bewusstsein für den Schmerz – für den Verlust und die Wunde. Und gleichzeitig ringt man hart um Resilienz. Das machen die Leute hier ziemlich beeindruckend, finde ich: mit so einer im besten Sinne ruppigen Bodenständigkeit das Leben behaupten! Und darin liegt ja auch ein genuiner Antrieb für das Theater: sich den Schmerzen der Vergangenheit zu stellen und immer wieder die Wunde zu bearbeiten.

Tatsächlich denken Sie die Verbindung zwischen Stadt und Theater so eng, dass an Ihrem Haus sogar spezielle „Stadtbotschafter*innen“ tätig sind. Was tun die genau?

Mädler: Das sind Menschen, die mit ihren je spezifischen Künsten – Regie, Performance oder Musik – in die Stadt ausschwärmen und zu den Phänomenen, auf die sie dort stoßen, in Miniresidenzen bei uns Projekte entwickeln. Als wir hierherkamen, haben wir damit angefangen, weil wir es eine wunderbare Form fanden, zum einen selbst die Stadt kennenzulernen und zum anderen die verschiedenen Communities gleichzeitig zu uns einzuladen. Und es sind tatsächlich nicht nur großartige Projekte daraus entstanden, sondern auch langfristige Arbeitsbeziehungen.

Szene aus dem Kids Battle beim PottClash-Festival am Theater Oberhausen: eine junge Tänzerin schwebt mitten in einer Bewegung in der Luft. Im Hintergrund sitzen auf einer ansteigenden Tribüne weitere Jugendliche. Ein DJ-Pult befindet vor großen Bannern, auf dem der jeweilige Battle angekündigt wird.
© Dana Schmidt

Eine Community, die inzwischen fest bei Ihnen am Haus verankert ist – und dies tatsächlich bundesweit einmalig – ist die Krumping-Szene. Können Sie für weniger Eingeweihte kurz umreißen, wer sich dahinter verbirgt?

Mädler (lacht): Krumping ist ein Begriff aus der urbanen Tanzszene: eine sehr kraftvolle Tanzsprache, die in afro-amerikanischen Communities in den USA als Ausdrucksform des Widerstands gegen soziales Unrecht entstanden ist. Dank der „Neue-Wege“-Förderung der Nordrhein-Westfälischen Landesregierung konnten wir zur Spielzeit 2023/24 mit sechs Akteur*innen aus dieser Street-Dance-Bewegung nebst einem künstlerischen Leitungsteam tatsächlich eine neue Sparte gründen und am Haus verankern. Die Urban-Arts-Szene ist zwar sehr vital und gut vernetzt, aber in Kulturinstitutionen bisher extrem unterrepräsentiert. Bei uns macht sie jetzt eigene Produktionen und ganze Festivals am Haus, ist aber auch spartenübergreifend aktiv und zum Beispiel im Familienstück dabei.

Auch das Süd-Ost-Europa-Festival hat sich zu einem zentralen Bestandteil Ihres Programms entwickelt.

Mädler: Ja, das konnten wir in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ins Leben rufen – und es geht nächstes Jahr bereits in die dritte Runde. Wir erreichen damit nicht nur Communities, die in der Stadtgesellschaft stark vertreten sind – Oberhausen hat zum Beispiel neben der türkischen eine große bosnische und eine große griechische Community. Sondern wir bekommen auch Zukunftsfragen in den Blick, die im südosteuropäischen Raum schon viel virulenter zur Debatte stehen: Wo wollen wir mit Europa eigentlich hin, welche demokratischen Werte vertreten wir, und was bedeutet Freiheit für uns?

Tatsächlich haben Sie für Ihr Haus einmal die Perspektive eines „Theaters der Zukunft“ formuliert.

Mädler: Ja, ich glaube, dass sich die Zukunft des Theaters in Oberhausen besonders gut untersuchen lässt, weil man hier in viele Fragen, die sich Menschen in anderen Regionen gerade erst zaghaft anfangen zu stellen, schon deutlich tiefer eingedrungen ist. Neulich habe ich zum Beispiel in Lübeck inszeniert, einer Stadt mit bildungsbürgerlicher Tradition und einem angestammten Theaterpublikum, wo der Saal bei jeder Vorstellung allein schon durch die Abonnent*innen gut gefüllt ist. Auf all dem kannst du dich in Oberhausen schlichtweg nicht ausruhen. Hier ist nicht nur die Stadt, sondern auch speziell das Theater bereits durch enorm viele Transformationsprozesse gegangen, und die Kassen sind so knapp, dass sich die Frage, welchen Sinn und welche Funktion so ein Haus für eine Stadt haben soll, längst in einer völlig anderen Dringlichkeit stellt.

Die Auszeichnung in der Kategorie Stadt-, Staatstheater und Landesbühnen beim Theaterpreis des Bundes ist mit 100.000 Euro dotiert. Was bedeutet Ihnen mehr: das symbolische oder das ökonomische Kapital?

Mädler: Als Oberhausenerin muss ich natürlich sagen: Das ökonomische Kapital ist wirklich nicht zu unterschätzen, die Stadt gehört ja tatsächlich zu den finanziell belastetsten Regionen der Republik. Allerdings soll an dieser Stelle wirklich einmal festgehalten werden, dass wir mit unserem Kulturdezernenten und Kämmerer Apostolos Tsalastras in Oberhausen den kulturpolitischen Jackpot gewonnen haben! Obwohl die Kommune in deutlich dringlicherer Weise als viele andere Regionen in Sparzwängen steckt – und wir auch tatsächlich alle sparen –, gibt es hier ein klares Bekenntnis zu dem Haus und ein tiefes Verständnis für die Bindungskräfte, die es in der Stadt erzeugt. Gemessen an der prekären Haushaltslage sind wir finanziell wirklich vergleichsweise gut aufgestellt!

Also entscheiden Sie sich doch fürs symbolische Kapital?

Mädler: Ich freue mich für unser Haus wirklich wahnsinnig über die Auszeichnung! Die Kolleg*innen aller Gewerke und Abteilungen arbeiten hier mit einem Engagement, mit einem Gemeinschaftssinn und in einer Hierarchiefreiheit, wie ich es wirklich noch nie zuvor erlebt habe. Und natürlich ist so ein Zeichen von außen großartig! Wir sind ja am Theater alle ziemlich gut darin, uns gegenseitig zu bestätigen, dass das alles großartig ist, was wir tun, aber manchmal fragt man sich ja doch: Finden das jetzt eigentlich nur wir gut, was wir hier machen? Der wichtigste Gradmesser ist und bleibt selbstverständlich das Publikum, aber natürlich fühlt es sich dann sehr schön an, wenn auch noch mal jemand aus einer abstrakteren Perspektive auf unser Programm schaut und das, was wir konzeptionell hineingedacht haben, wirklich herauslesen kann. Dennoch – damit hier keine Missverständnisse aufkommen (lacht): Das Geld ist auch super!

Was haben Sie damit vor?

Mädler: Weil unser Foyer zurzeit wegen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen eine Totalbaustelle ist, hat unsere Ausstattungsleiterin Franziska Isensee einen Container entworfen, der jetzt auf dem Vorplatz steht und die Kasse, eine Bar, ein Atrium und sogar einen Dach-Biergarten beherbergt. Und dieser Container ist einfach so toll, dass er sich gleich zu einer festen Anlaufstelle entwickelt hat, weit übers Viertel hinaus. Deshalb würden wir ihn gern verstetigen, professionalisieren und zu einem neuen Spiel- und Begegnungsort ausbauen. Oberhausen braucht so dringend lebendige Orte – und ich glaube, der Preis ist dafür ein ziemlich gutes Argument!

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